Mit nicht geringen Erwartungen sind wir heuer zur Europameisterschaft nach Griechenland gefahren. Zwar waren wir bei der Generalprobe letztes Jahr im Juni – einem Weltcup im gleichen Gebiet - gar nicht zum Fliegen gekommen, doch die Wetterstatistik versprach für Oktober gute Flugbedingungen. Der Veranstaltungsort Kalavrita, auf der Nordseite des Peloponnes zwischen Athen und Patras gelegen, ist von Bergen umgeben, deren Höhe zwischen 1500 und 2300 Meter beträgt, demnach war die von uns gewohnte Gebirgsfliegerei zu erwarten. Vom Vorjahr wußten wir natürlich vor allem, was man an Tagen macht, an denen es nicht zu fliegen geht: Montain-Biken, Wandern oder mit dem Auto etwa 35 Minuten zum Meer fahren, um zu baden oder zu kiten. Alles in allem mehr als ein Grund, sich wirklich auf die zwei Wettkampfwochen zu freuen, den Saisonhöhepunkt dieses Jahres.
Eine Medaille in der Mannschaft, egal welcher Couleur, war für uns nach dem Vize-Weltmeister im vergangenen Jahr das erklärte Ziel. Schließlich lagen wir auch in der Nationenwertung des Weltcups vor dem Abschlußbewerb in Mexiko an der zweiten Stelle.
Und der eine oder andere spekulierte natürlich mit einem Spitzenplatz in der Einzelwertung. Es sollte vieles anders kommen.
Bereits am ersten Tag fahren wir eine ganze Serie von Niederlagen ein. Richard Trümel, unser Ötscher-Bär, zieht sich eine starke Bänderzerrung am Knöchel zu, die eine Teilnahme an der EM (zumindest in fliegerischer Hinsicht) illusorisch macht. Ötscher, äußerst schlecht zu Fuß, muß die nächsten beiden Wochen großteils im Quartier verbringen. Der deutsche Notarzt Michi und die Physiotherapeutin Caro leisten tolle Arbeit, machen Hausbesuche und unterstützen Ötschers Genesung mit einer tollen Therapie. An dieser Stelle nochmals vielen Dank den beiden!
In der Luft läuft es am ersten Tag auch nicht besser: Kurz vor der zweiten Wende stehen Armin, Tina und ich am Boden und müssen mit ansehen, wie „tausende“ Piloten weiter Richtung Ziel fliegen. Die Unsrigen sind an diesem Tag zudem nicht die schnellsten – Heli Ebner, Helei Eichholzer und Tom Brandlehner erreichen zwar das Ziel, landen aber im geschlagenen Feld.
Als herausragender Schirm der EM kristallisiert sich bereits zu Beginn der neue Advance Proto von Christian „Chrigel“ Maurer heraus. War der Vorgänger nur einen Hauch besser als die Konkurrenz, hat man bei Advance seine Hausaufgaben gemacht und Steigen, Gleiten und Höchstgeschwindigkeit nochmals verbessert. Chrigel, der die letzten Jahre vor allem durch seinen aggressiven Flugstil aufgefallen ist, nützt das Potential seines Schirms richtig, indem er eben nicht angreift, sondern sich das erste Pulk von oben anschaut und Attacken nur dann startet, wenn die Alternative hieße auf die anderen zu warten. Hut ab - er kann offensichtlich beides: im Pulk „mitschwimmen“ und angreifen!
Der Hochleister von Gin Gliders, jahrelang die Waffe für den Wettbewerbspiloten, ist offensichtlich, zumindest in der aktuellen Version, in die Jahre gekommen. Ein Gerät von UP (Targa II), Airwave oder Mac scheint zur Zeit die bessere Wahl. Aber wie man hört, wird in Korea schon eifrig am nächsten Update des Boomerang gearbeitet.
Wo immer man in den letzten Jahren eine Welt- oder Europameisterschaft austrug, einer war immer dabei: Horst mit seiner „Wohntuttl“. Der 63jährige besucht uns seit Jahren bei großen Wettbewerben und darf wohl mit Recht als „Fan Nummer 1“ bezeichnet werden. Vor 23 Jahren hat Horst seinen Job als Lehrer an den Nagel gehängt und sich mit seinem Wohnmobil auf eine Reise durch aller Herren Länder gemacht. Als wir in Kalavrita ankamen, war er schon seit drei Monaten in Griechenland. Also genügend Zeit sich die Olympischen Spiele inklusive der Paralympics anzuschauen.
Diesen Winter wird er in Marokko überwintern: Ein wahrer Lebenskünstler – beneidenswert.
Am Ende der Euro fährt er die Hälfte des österreichischen und die Hälfte des deutschen Teams zum Flugplatz in Athen. Vielen Dank und bis zum nächsten Mal!
Aber zurück zum Wettbewerb: Nachdem wir im zweiten Durchgang mit zwei Piloten unter den Top-Ten „fett“ punkten können, fällt unsere Formkurve im dritten Lauf wieder auf das gewohnte Niveau ab. Kurz nach dem Start verlieren wir den Kontakt zum ersten Pulk und „humpeln“ den gesamten Durchgang wenige Minuten hinterher. Am Ende der 90 Kilometer langen Tagesaufgabe hat die zehnköpfige Spitzengruppe dann noch das Glück des Tüchtigen und erreicht das Ziel just, als Vorboten der morgigen Schlechtwetterzone den Himmel zu verdunkeln beginnen. Uns, schon einige Kilometer zurück, bringt die Abschattung beinahe zum Stehen. Als der Ostwind (sprich: Gegenwind) dann immer mehr auffrischt, scheint sich alles gegen uns „Hinterherpunkter“ verschworen zu haben. Nur einzelne wenige können sich ins Ziel retten, die meisten fallen im strammen Gegenwind kurz vor dem Ziel vom Himmel.
Während andere Nationen entweder einen Piloten aus dem ersten Pulk oder den Teamleader im Ziel haben (an diesem Tag haben es Gottfried und Claudia schwer, auf der Straße mit uns Schritt zu halten, und sind gerade noch nicht im Ziel), sind wir ohne Wind-Infos vom Landeplatz. Tom verläßt den letzten Bart bei einer Gleitzahl von 4,3 auf das Ziel. Bei dem heutigen Bodenwind zuviel (Gleiten), er steht gut 400 Meter vor der Linie.
Nach einer Stunde bessern sich die Verhältnisse wieder und somit erreicht zumindest Armin Eder als einziger Österreicher das Ziel. Aufgrund des Rückstands von 1 ½ h auf den Sieger des Tages – „Gleitschirm-Dinosaurier“ Jimmy Pacher (I) – macht er punktemäßig auch keinen Sprung nach vorne.
Von einer Mannschaftsmedaille können wir uns zu diesem Zeitpunkt endgültig verabschieden. Und auch in der Einzelwertung kann inzwischen jeder seine Ziele abschreiben. Auch Helei, Fünfter der WM 2003, „grounded“ heute wenige Kilometer vor dem Ziel und sieht seine Chancen auf einen Spitzenplatz schon eher in Valadares bei der kommenden WM.
Heli vereint bei dieser Europameisterschaft gleich mehrere Funktionen in sich: Verhindert er in den ersten Läufen mit einer soliden fliegerischen Leistung den totalen Absturz unseres Teams, macht er sich im Verlauf der beiden Wochen als Koch unentbehrlich. Täglich verwöhnt er uns nicht nur mit Koteletts, Lamm, Chili con carne (à la heli) oder Spaghetti, sondern auch mit allerlei Geschichten aus seiner bewegten Vergangenheit.
Und zu guter Letzt ist er neben Heinz Schwer, dem Vater unseres Nesthäkchens Tina, ein Sponsor des Teams. Vielen Dank an Lebensmitteltechnik Ebner und das Versicherungsbüro Schwer!
Obwohl wir am Samstag mehr Wind haben als am Tag zuvor, sollen es diesmal über 80 Kilometer werden, eine für dieses Gebiet eher große Aufgabe.
Bereits nach einem Drittel des Tasks wird’s zunehmend ungemütlich. Der Talwind erreicht 35 km/h. Da die Thermik ja nicht nur luvseitig abreißt, ist voller Einsatz gefragt. Brandy, Helei und ich sind nach einem taktischen Fehler nur im zweiten Pulk, Armin im ersten. Und wieder zwingt es die Verfolger in einer Abschattung kurz vor dem Ziel zu Boden, während der Spitzenpulk noch ins Ziel gleiten kann.
Aber Zeiten und Punkte, Plazierungen und Medaillen werden unwichtig, als wir nach der Landung hören, daß die Bedingungen ihren Tribut gefordert haben.
Der Spanier Carlos Izquierdo ist tödlich verunglückt. Und obwohl ein Pilot direkt nach dem Unfall bei ihm landet und per Funk mit der Organisation in Kontakt ist, dauert es drei Stunden bis Hilfe eintrifft. Zu diesem Zeitpunkt ist Carlos bereits tot.
Auch die Bergung der weiteren drei Schwerverletzten dieses Tages wird zu einem Fiasko. Ein Pilot wartet sechs Stunden!!
Einen Tag später wird vom Schweizer Teamchef Martin Scheel eine Teamleader-Sitzung einberufen, in der das Versagen des Rettungssystems besprochen wird. Die Konsequenz könnte lauten, daß in Zukunft Länder, in denen von vorne herein kein ausreichendes Rettungswesen vorhanden ist oder vom Veranstalter organisiert werden kann, keine Welt- und Europameisterschaften ausrichten dürfen. Dieses mehr als eindeutige Ergebnis ergab eine Umfrage unter den Teamleadern.
Bleibt zu hoffen, daß in Zukunft bei der Vergabe von Welt- und Europameisterschaften das Vorhandensein eines funktionierenden Sicherheitssystems als notwendige Bedingung erachtet wird.
Gesamtwertung:
1. Christian MAURER (Schweiz)
2. Bruce GOLDSMITH (Großbritannien)
3. Thomas BRAUNER (Tschechien) ex aequo mit Philippe BROERS (Belgien)
Die Plazierungen der Österreicher:
19. Helmut EICHHOLZER (Sbg)
24. Armin EDER (Tirol)
31. Thomas BRANDLEHNER (Sbg)
43. Alex SCHALBER (Sbg)
80. Helmut EBNER (Sbg)
131. Tina SCHWER (Tirol)
In der Nationenwertung liegt Österreich auf Platz 6. Sieger ist Italien, gefolgt von der Schweiz, Tschechien, Deutschland und Frankreich.
Ergebnisse und weitere Infos findet Ihr auf der Homepage des Veranstalters
und auf der Liga-Homepage